Rheinische Post Januar 2021
„Wir haben uns gemeinsam getragen“
 

Gangelt galt im Februar als Deutschlands Corona-Epizentrum. Seitdem haben die Einwohner viel gelernt. Bürgermeister Willems berichtet von Solidarität, Schicksalsschlägen und dem schlimmsten Tag seines Berufslebens.

Von Christos Pasvantis

 

GANGELT | In Gangelt ist es ruhig an diesem Winternachmittag. Eine Frau führt ihren Hund spazieren, der Dönermann wartet auf Kunden, die Straßen sind, abgesehen von geparkten Autos, leer. So ist es im Dezember, so ist es meist im Sommer, so war es auch an jenem Aschermittwoch. 26. Februar 2020, das Datum, das keiner der knapp 13.000 Einwohner der Gemeinde jemals vergessen wird. Der Tag, an dem plötzlich die ganze Welt wissen wollte, was in Gangelt los ist.

„Auf einmal hatten wir alle Fernsehstationen der Welt am Telefon. Al Jazeera, New York Times, alle haben im Kreishaus angerufen“, sagt Guido Willems. Seit November ist der 39-Jährige Bürgermeister seines Heimatorts Gangelt. Zuvor war er Bürochef des Heinsberger Landrats Stephan Pusch.

Nur wenige haben den Beginn der Corona-Krise so hautnah miterlebt wie er. Nachdem im Februar bei einem Gangelter erstmals in NRW das Coronavirus nachgewiesen worden war, kamen in der Gemeinde dutzende weitere Fälle hinzu. Gangelt gilt bis heute als das deutsche Epizentrum der Pandemie, die verhängnisvolle Karnevalssitzung im Ortsteil Langbroich als erstes großes Superspreader-Event. „Was uns hier gestört hat: Das Medieninteresse hat sich nur auf diesen einen Fall und unseren Ort gestürzt, nicht auf die Gesamtsituation“, sagt Guido Willems, der am Besprechungstisch seines Büros sitzt. „Heute wissen wir, dass es weder ein Gangelter Problem noch ein chinesisches Problem gab, sondern ein globales.“

Als „schlimmsten Tag meines Behördenlebens“ bezeichnet Willems den folgenden Freitag in der Kreisverwaltung, an dem die Falschmeldung durch die Medien ging, der Kreis Heinsberg solle zum Sperrbezirk erklärt werden. „Vorher waren noch Gesundheitsminister Laumann und Ministerpräsident Laschet da, und auf einmal kommt so eine Meldung raus, die ganz, ganz viele Menschen verängstigt und verunsichert hat“, sagt Willems. „In diesem Moment war bei uns so viel Druck auf dem Kessel, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Es war aber auch der Moment, in dem sich sein ehemaliger Chef unaufgeregt vor die Presse stellte und nüchtern die Sachlage erklärte. „Als er in dieser Stunde ruhig und sachlich geblieben ist, hat Stephan Pusch wahre Größe gezeigt“, sagt Willems.

Ruhig und sachlich, so beschreibt er auch die Art und Weise, mit der die Gangelter seitdem mit der Pandemie umgehen. „Wir haben versucht, uns gegenseitig zu unterstützen. In Gangelt war dieses Gemeinschaftsgefühl sehr früh da. Hier kennt und hilft jeder jedem“, sagt der Bürgermeister. Als in den ersten Wochen ganze Straßenzüge in Quarantäne mussten, organisierten Nachbarn Einkäufe. Danach hätte sich schnell eine neue Normalität eingestellt.

„Professor Streeck hat früh gesagt, dass wir lernen müssen, noch eine ganze Zeit lang mit dem Virus zu leben“, sagt Willems. Hendrik Streeck – der Name des Bonner Virologen fällt im Gespräch mit Willems immer wieder, in Gangelt ist er im Zusammenhang mit dem Virus allgegenwärtig. Viele der Einwohner hat Streeck im Rahmen seiner berühmten Heinsberg-Studie selbst getestet. „Mir erzählen Leute, dass der Professor um 12 Uhr nachts noch angerufen hat, mitgeteilt hat, dass sie positiv getestet sind und wie es nun weitergeht“, sagt Willems und zeigt stolz ein Foto, das Streeck und seine Kollegen zeigt und das ihm der Virologe geschenkt hat. „Die Studie war für uns ein Segen und hat große Erkenntnisse gebracht“, meint der Bürgermeister – dementsprechend wenig Verständnis hat er für die teils heftige Kritik, die an der Studie geäußert wurde: „Ich hätte mir gewünscht, dass man in unserem Land nicht immer nur guckt, wo man ein Haar in der Suppe finden kann. So sind wir hier in Gangelt nicht.“

Rekordverdächtige 15 Prozent der Gangelter, das ist ein Ergebnis der Studie, sollen schon im April infiziert gewesen sein. Das hat geprägt. „Jeder von uns kennt Menschen, die gestorben sind oder ganz schlimme Schicksale erlitten haben. Das lässt sich nicht mehr ändern, auch nicht durch Mitgefühl. Trotzdem glaube ich, dass wir uns in dieser Phase gemeinsam getragen haben“, sagt der Bürgermeister. „Wir alle wissen, dass das nicht noch einmal passieren darf.“

Das Verständnis für den zweiten Lockdown sei groß, auch wenn nicht jeder nachvollziehen könne, warum etwa der Gangelter Wildpark oder die Restaurants schließen müssen, obwohl die Gegebenheiten vor Ort so gut seien, dass man sich laut Willems „eigentlich gar nicht anstecken kann“. Gangelt sei schließlich kein Ort wie Köln oder Düsseldorf, an dem sich die Menschen tummeln – außer an Karneval.

 

Info

Bislang 21 Corona-Tote in der Gemeinde

Ort Die Gemeinde Gangelt hat knapp 13.000 Einwohner.

Corona Offiziell gibt es in Gangelt seit Beginn der Pandemie 21 Corona-Tote und 667 nachgewiesene Fälle. Nach der Heinsberg-Studie von Hendrik Streeck waren aber bereits im April 15 Prozent der Einwohner inzifiert gewesen.